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Dienstag, Dezember 1, 2020

Kirchschemmsbach erhält „Blaues Klassenzimmer“

Die offizielle Einweihung findet im kommenden Jahr statt Den Kirchschemmsbach hatte die Emschergenossenschaft bereits vor knapp zehn Jahren im...
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Bottrops Best Boy – Gordon Claus

Wir hatten gedacht, wir bringen mal was Neues. Zwar ist das Thema Tätowieren in den Medien sehr verbreitet, aber was denkt und sagt ein alter Hase aus Bottrop? Wir trafen Gordon Claus und stellten ihm ein paar Fragen. Es stellte sich als äußerst unterhaltsam heraus. Viel Spaß beim Lesen…

Frage: Hi Gordon, stell Dich doch bitte einmal vor!

Gordon: Ich bin jetzt 43 Jahre alt und der Sohn meiner toleranten und weltoffenen Eltern, wofür ich absolut dankbar bin.

Ich komme aus Südafrika. Als ich 17 war, sind wir nach Deutschland gezogen, das war eine schwierige Zeit für mich, weil ich entwurzelt wurde. Aber letztendlich bin ich natürlich froh, dass ich nach Deutschland gekommen bin. Heute bin ich glücklich verheiratet und lebe gerne in Deutschland!

In der Anfangszeit nach unserem Umzug habe ich besonders auf meine Schwester aufgepasst. Einmal waren wir auf der Kirmes und irgend so ein Vorstadt-Gauner hat ihr an den Po gefasst, woraufhin ich verständlicherweise um mich geschlagen hab. Die Jungs, die mir geholfen haben, waren die mit den kurzen Haaren, alles Psychobillies, eine Art Rockabilly, mit denen ich dann auch zur Schule gegangen bin.

Viele der neuen Bekannten waren tätowiert, sodass ich mich nach einiger Zeit auch tätowieren lies. So kam eins zum anderen und die Liebe zum Tätowieren wuchs. Sicherlich ist das genau das, was daraus gewachsen ist. Ich glaube, man kann nicht erfolgreich in irgendetwas sein, wenn man nicht 100% dahinter steht und das muss natürlich auch an einem wachsen.

Wie hast Du die Kindheit in Südafrika erlebt, bzw. in wie weit hat Dich das geprägt?

Gordon: Schwer zu sagen. Sowohl in Deutschland, als auch in Südafrika ist Rassismus leider ein sehr großes Thema, natürlich völlig unterschiedlich aufgrund der verschiedenen Geschichten.

Ich hatte das Glück in Südafrika, eine der ersten gemischten Schulen besuchen zu dürfen. Das war eine Multi-Kulti-Schule und ich habe mit Schwarzen und Färblingen gemeinsam die Schulbank gedrückt. Das hat mich schon geprägt. Eine gute Zeit, in der ich umso stärker gelernt habe, dass wir alle gleich sind und für uns gegenseitig einstehen.

In der Zeit hatte ich einige einschneidende Erlebnisse. Mittags sind wir immer mit dem Zug nach Hause gefahren. Es gab immer Probleme: Schwarz/Schwarz & Weiß/Weiß. Da ich auf einer englischsprachigen Schule war, warteten die Kinder der holländisch-stämmigen Buren immer auf uns um Ärger zu machen – ich glaube, ich bin zwischen meinem zehnten und sechszehnten Lebensjahr kein einziges Mal ohne abgerissene Knöpfe nach Hause gekommen.

Ich erinnere mich gut, dass wir uns jeden Tag gebalgert haben. Wir hatten immer den Sepho dabei, den Sohn vom Chefarzt eines großen Krankenhauses in Soweto, einem schwarzen Viertel. Mit ihm zusammen bin ich immer mit dem Zug nach Hause gefahren. Aber immer dann, wenn der Schaffner kam, musste er natürlich ins „Schwarze Abteil“. Das war für ihn gefährlich wegen dem Neid der armen Schwarzen, den er als Kind eines Arztes erdulden musste. Die Apartheit war dort allgegenwärtig. Wir sind dann aber immer kollektiv, zusammen aus dem Zug ausgestiegen und haben auf den nächsten gewartet, um zusammen mit Sepho weiterzufahren. Das war die tägliche Praxis. Wenn wir dann endlich an unserem Bahnhof ankamen, warteten dort schon 10-15 Mütter auf Ihre Kinder – Zugverspätungen gab es schon damals. Das Land war schon zu dieser Zeit brandgefährlich, das hat sich bis heute nicht verändert, aber man gewöhnt sich an alles.

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Du hast gesagt, Du bist mit 16 / 17 nach Deutschland gekommen. Wo war die erste Anlaufstelle?

Gordon: Das war zuerst nicht so ganz klar. Da mein Vater zu diesem Zeitpunkt für eine sehr große Baufirma gearbeitet hat, war als erste Anlaufstelle Berlin geplant. Die andere Wahl war eine Baufirma in Wesel, auf die die Wahl dann fiel. Ausschlaggebend war, dass wir gern etwas ländlich leben wollten, da man aus Südafrika natürlich die großen Weiten gewohnt ist. So sind wir dann nach Wesel gezogen und die Zeit war spitzenmäßig.

Die ersten Berührungen mit tätowierten Menschen hattest Du also nach dem kleinen Zwischenfall mit Deiner Schwester auf der Kirmes?

Gordon: Ja, genau, Wesel war so ein witziges Pflaster. Bevor die Techno und Hip Hop Szene kam, gab es sehr viele verschiedenen Randgruppen. Es gab die Punks, New Waver, Mods, die B-Boys, Skas, Rudeboys und Skinheads links und rechts, es gab Psychobillies, es gab Rockabillies. Es gab so viele verschiedene Randgruppen, u.a. auch die Skater und die Scooterboys – viele von ihnen waren halt tätowiert. Damals war das auch nicht irgendein Modeaccessoire, 3 Sternchen für die Familie, sondern es waren Stigmata, in Bezug darauf, dass man eigentlich gegen irgendetwas war.

Wesel war ein Melting Pot von verschiedenen Randgruppen, wie man es in anderen Großstädten mit Sicherheit auch kennengelernt hat. Wir waren viel zu allen möglichen Punk- und Hardcorekonzerten unterwegs – ich habe in Erinnerung, dass die Weseler Jungs im Vergleich zu anderen aber schon ein wirklich krasser Haufen waren. In vielen verschiedenen Bereichen, unter anderem auch Tätowieren. Ich habe zur damaligen Zeit wirklich in keiner anderen Stadt einen Haufen so krass tätowierter Menschen gesehen. Leute, die wirklich so zugeballert und auch richtig unterwegs waren. Das war natürlich auch früh prägend und so wuchs die Begeisterung.
Alle ließen sich tätowieren, sind dafür nach Holland oder zum Ralf nach Düsseldorf gefahren. 1995 kamen dann die ersten Amis nach Deutschland, auf einmal ließen sich alle von Amerikanern tätowieren. Ich hatte dann das Glück, dass einige teilweise ein halbes Jahr bei meinen Eltern gewohnt und meine gesamte Clique vollgeballert haben.
Rückwirkend weiß ich gar nicht mehr, wie so etwas funktioniert hat, aber es war alles so sehr freundschaftlich. So haben sich die Dinge dann entwickelt. Wenn man irgendwann mit qualitativ guten Tätowierungen voll ist, dann wächst das Ganze auch geistig an einem. Gerade dann, wenn man viel zeichnet, dann geht das seinen Weg – so war es auch bei mir. Vor 25 Jahren waren es noch wenig, als ich aber vor 20 Jahren angefangen habe, in Studios abzuhängen und da auch zu arbeiten, wuchs natürlich auch die Knowledge-Power. Vor 17 Jahren habe ich dann angefangen, selber zu tätowieren.

Nochmal zurück zum interessanten 18. Lebensjahr. Mit 18 angefangen Dich tätowieren zu lassen: dann hast Du ja den Großteil Deines Lebens mit Tätowierungen zu tun. Erzähl doch mal etwas zu der Entwicklung, den Veränderungen, lass die Zeit Revue passieren.

Gordon: Also ich denke, es ist etwas schwierig, komplett aufzurollen, wie es sich entwickelt hat. Wenn man jetzt das Thema Tradition aufgreift, wird man sehen, dass die ersten Japaner, die sich haben tätowieren lassen, entweder Feuerwehrmänner oder Dienstboten waren. Die haben sich hauptsächlich Drachen tätowieren lassen, weil es Wasserwesen sind, die als Schutzgeister dienten. Später ließen sich die Leute beim Zirkus tätowieren. In der westlichen Kultur waren es zunächst Adlige und Reiche, die sich das leisten konnten und später kamen ganz dem Klischee entsprechend Seemänner und Gefangene hinzu. Ab den 70er Jahren wurde es etwas kommerzieller.

Dann passierte erst einmal eine lange Zeit nicht viel. Auch aufgrund der technischen Möglichkeiten.
Tätowierungen waren zu diesem Zeitpunkt nicht salonfähig. In Europa war das Thema durch – Juden mussten sich zur Registrierung eine Nummer tätowieren lassen. In den frühen 80ern kam Phil Bond aus England nach Deutschland und hat Leuten an verschiedenen Orten das Tätowieren beigebracht – anschließend ist er zurück nach England, aber durch diese Aktion ist eine Art „Tätowierer-Familienstammbaum“ entstanden, der bis heute nachvollziehbar ist.

In den letzten Jahren ist das Tätowieren dann sehr modisch geworden. Immer mehr Leute tätowieren und sind vielleicht auch etwas frustriert, weil sie den ganzen Tag „Mist“ tätowieren müssen. Das Qualitätsniveau hier ist nicht sehr hoch. Vielleicht liegt es daran, dass die Kunden gerne leicht leserliche Motive haben wollen, vielleicht liegt es auch am Ruhrgebiet. Von dem früheren Stigmata hat sich ein Tattoo zum Modeaccessoire entwickelt. Frauen geht es darum, sexy zu wirken, Männer wollen hart aussehen. Wenn Du sexy sein willst, sollte es auch gut gemacht sein – ansonsten bist Du nicht sexy, sondern ganz im Gegenteil. Bei Männern ist es egal, ob es gut oder schlecht gemacht ist – hart sieht es sowieso aus. Jeder muss selbst entscheiden, wo er sich was und von wem was tätowieren lässt. Das Endprodukt ist aber nicht allein der ausschlaggebende Punkt. Das Gesamtpaket ist wichtig und das beginnt mit dem Menschlichen.

Auch Gefahr laufend, dass es arrogant klingen mag: Ich habe eine gewisse Tagesenergie, die ich nicht mit jedem teilen möchte. Ich habe gerne angenehme Leute um mich – das Motiv ist dabei egal, aber ich distanziere mich auf freundliche Art von Leuten, bei denen ich von Anfang an das Gefühl habe, dass es menschlich nicht passt. Aber viele Leute sind cool drauf, kommen mit sehr coolen Ideen.

Wo siehst Du beim Tätowieren Deinen Fokus? Was liebst Du, was sind Deine Stärken?

Gordon: Ich würde sagen, ich bin ein sehr engagierter Tätowierer, der seinen Job liebt. Ich rede nicht schlecht über andere, ich mache mein Ding und halte die Schnauze. Das Engagement bezieht sich auf jede Tätowierung, die ich mache, unabhängig vom Motiv. Ich habe aber ein Prinzip: Dass realistische Tätowierungen für mich „Schrott“ sind. Ich weiß, dass es in den meisten Fällen auf die Zeit gesehen nicht haltbar ist, finde es jedoch beeindruckend, wie es tätowiert ist.

Ich bin von meinem Wesen her ein sehr ungeduldiger Mensch, das wäre eine negative Sache für den Stil Realismus. Meine Stärken liegen in der Impulsivität, also kurze, knackige, prägnante Designs, die wirklich stark tätowiert sind, starke Ausarbeitung. Ich mag keine dünnen Linien, ausdrucksstark muss es sein! Ich arbeite gerne traditionell, wie bei alten Seemännern. Ich habe eine solide Basis und experimentiere nicht an meinen Kunden herum. Wenn ich unsicher bin, arbeite ich Sachen nicht nur im Kopf, sondern auch auf dem Papier voll aus. In Projekte reinknien gehört für mich einfach dazu. Ich habe vielleicht nicht zu allen Leuten ein gutes Verhältnis. Mit denen ich es jedoch habe, ist es um so besser. Für mich ist es sehr wichtig, zu den Leuten, die ich tätowiere, eine gute Welle zu haben, weil eine gute Ideenfindung dadurch optimal möglich ist.

Kannst Du uns zum Schluss sagen, welche Richtung Du am liebsten machst, oder möchtest Du das lieber offen lassen?

Gordon: Schwierige Frage!
Beim Tätowieren ist ein ständiger Evolutionsprozess im Gange. Ich selbst habe keine realistischen Tätowierungen und auch keine Tribals auf mir. Ich möchte auf mir keine Tribals haben, weil ich aus einer Familie stamme und somit lieber familiäre Tattoos bevorzuge. Ich mag natürlich auch Sachen mit einer versteckten tiefen Symbolik und nicht nur schicke, grafische Hingucker. Aber im Grunde ist das ist nicht mit einer Präferenz einer gewissen Art von Tätowierung verbunden, ich tätowiere gerne traditionell, also mit Linien, Schatten und Farbe. Das ist das, was ich gerne mache. Ob es europäisches oder amerikanisches Tätowieren ist, ob es ein Look der Marquesa ist oder auch japanisch ist: Ich tätowiere gerne traditionell.

 

Künftig wird Gordon seine eigene Kolumne bei Wir lieben Bottrop schreiben – und zwar über alles, was den bunten Bottroper beschäftigt. Wir freuen uns.

 

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