
Elisabeth Kößmeier (rechts) und Daniela Bockholt schaffen mit dem Kinder- und Jugendförderplan eine verlässliche und alltagstaugliche Grundlage für die kommenden Jahre.
Die Angebote für Kinder und Jugendliche werden gefestigt. In seiner kommenden Sitzung wird der Rat am 3. März abschließend über den Kinder- und Jugendförderplan entschieden. Zuvor wurde über das 92-seitige Papier in Ausschüssen beraten. „Wir haben den Plan Ende vergangenen Jahres erstmals im Jugendhilfeausschuss vorgestellt. Aus der Politik kamen bislang durchweg positive Rückmeldungen“, sagt Daniela Bockholt, Leiterin des Jugendamtes.
Wichtig sind ihr auch die Einschätzungen der Träger. „Ziele, Haltung und Werte der Jugendarbeit spiegeln sich darin wider. Bei den Trägern gibt es eine ehrliche und offene Zustimmung“, sagt Bockholt. Es ist ein praxistauglicher Plan. Jedes Jahr stehen rund 2,2 Millionen Euro für die Kinder- und Jugendarbeit zur Verfügung. Sowohl bei der Finanzierung als auch den inhaltlichen Schwerpunkten sei Planungssicherheit für die kommenden Jahre geschaffen.
Der Kinder- und Jugendförderplan (KJFP) setzt einen verbindlichen Rahmen für die Angebote bis zum Ende der aktuellen Wahlperiode. Alle fünf Jahre muss der Rat darüber entscheiden, welche Entwicklungen und Trends in die offene Kinder- und Jugendarbeit einfließen sollen. Für den KJFP hat Elisabeth Kößmeier, zuständig für die Jugendhilfeplanung, gemeinsam mit unterschiedlichen Einrichtungen die Zielorientierung der gesetzlich festgelegten Handlungsfelder festgelegt.
„Wir haben uns über die zukünftigen Bedarfe kreativ und konstruktiv ausgetauscht“, sagt sie. Rund ein Jahr lang wurde an dem Plan gearbeitet. Neben persönlichen Gesprächen mit allen Beteiligten wurden dafür unterschiedliche Studien und Gesetze herangezogen. Außerdem wurden Kinder und Jugendliche nach ihren Interessen und Bedürfnissen gefragt. Durch die Partizipation aller Akteure wird eine breite Akzeptanz sichergestellt.
„Der Plan listet nicht nur Zahlen, Daten und Fakten auf“, sagt Kößmeier. Vielmehr sei er ein lebendiges Arbeitsinstrument. So schärft der Plan die Haltung und Werte der Kinder- und Jugendarbeit. Als Querschnittsthemen wurden „Demokratie und Partizipation“, „Teilhabe und Inklusion“ und „Kinderrechte und Schutz“ vereinbart.
Besonders bei der politischen Bildung sieht Elisabeth Kößmeier Bedarf. In den vergangenen Jahren beobachtete sie, dass sich junge Menschen von politischen Rändern angezogen fühlen. „Die Mitte ist kleiner geworden.“ Was bundesweit als Trend festgestellt wird, spiegelt sich auch in Bottrop wider. Dagegen will der KJFP mehr Bereitschaft für demokratische Aushandlungsprozesse wecken. „Ein miteinander Gestalten ist noch nie so wichtig gewesen, wie jetzt in der heutigen Zeit“, sagt Kößmeier.
Das Themenfeld „Teilhabe und Inklusion“ findet seine Grundlage im Kinder- und Jugendstärkungsgesetz. Die Relevanz hat sich in einer Umfrage bestätigt. „Die Kinder haben aufgeschrieben, dass sie Angst vor Armut haben“, zitiert Kößmeier aus der Blitzumfrage. Das Gefühl, nicht mehr teilhaben zu können, wächst, ebenso wie die Sorge vor Krieg. „Das wäre vor zehn Jahren so nicht beschrieben worden“, sagt sie.
Durch die niederschwelligen und kostenlosen Angebote der offenen Kinder- und Jugendarbeit soll dem Gefühl des abgehängt Seins entgegengewirkt werden. „Wir schließen niemanden aus. Jeder kann kommen.“ Dazu gehört, dass die Einrichtungen barrierearm gestaltet und für Behinderte zugänglich sind.
Wachsende Bedeutung bekommt das Themenfeld „Kinderrechte und Schutz“. Die Einrichtungen brauchen institutionelle Schutzkonzepte. Dafür müssen sie beispielsweise ein Augenmerk darauf richten, wo dunkle Ecken sind und unbeobachtete Momente entstehen können. Beschwerdestrukturen, an die sich Kinder wenden können, sollen verfügbar sein. „Es geht darum, Gewalt und Übergriffe nahezu unmöglich zu machen“, so Kößmeier. Zugleich bieten Ansprechpartner Beratungen bei Alltagssorgen an und vermitteln an andere Institutionen, wenn mehr Hilfen benötigt werden.
Elisabeth Kößmeier betont, dass die Konzepte weiterentwickelt werden. Dabei werden die Kinder und Jugendlichen beteiligt. Schließlich nutzen sie die Angebote freiwillig. „Wir sind zur Demokratie verdonnert, wenn wir nicht mit leeren Häusern dastehen wollen.“ Mit dem KJFP wird die Integration gesichert. Bereits in der Vergangenheit lag hier ein Schwerpunkt. Als vor rund zehn Jahren Flüchtlinge beispielsweise aus Syrien nach Bottrop kamen und später aus der Ukraine, waren die Jugendeinrichtungen die ersten Anlaufpunkte.
Mit dem Kinder- und Jugendförderplan wird ein lebendiges Arbeitspapier verabschiedet, auf dessen Grundlage Konzepte und Maßnahmen immer wieder angepasst werden können. Neben dem, was von den Kindern und Jugendlichen gewünscht wird, werden dabei die Ressourcen wie Raumkapazitäten und Personal der unterschiedlichen Träger berücksichtigt. Damit die Möglichkeiten optimal genutzt werden, setzt das Jugendamt ein Team von Netzwerkern ein. „Die Sozialarbeiter in der offenen Kinder- und Jugendarbeit koordinieren die Angebote und unterstützen die Einrichtungen bei administrativen Aufgaben“, sagt Daniela Bockholt. Mit „Ab in die Mitte“ bieten die Netzwerker zudem ein eigenes Veranstaltungsformat auf dem Berliner Platz.
Wie notwendig regelmäßige Anpassungen sind, zeigt sich beim veränderten Medienverhalten und der Problembeschreibung der Kinder und Jugendlichen. Stand vor ein paar Jahren noch der Klimawandel mit Fridays for Future ganz oben auf der Agenda, sind es heute Krieg und Krisen. Dem verbreiteten Unbehagen wollen Bockholt und Kößmeier eine verlässliche Kinder- und Jugendarbeit entgegensetzen.
(c) Text/Foto: Stadt Bottrop