Podcast made in Bottrop: Warum diese Psychologin True Crime anders erzählt

Judy und Philip Alfers. Der Podcast entsteht als Zwei-Personen-Projekt in Bottrop. Fotos & Text: “Im Namen der Toten”/Alfers

True Crime ist eines der erfolgreichsten Podcast-Genres – und eines der meistkritisierten. Der Vorwurf ist so alt wie das Genre selbst: Es macht aus echten Verbrechen Unterhaltung.

Bottroper Psychologin setzt bei True Crime auf die Opferperspektive

Judy Alfers kennt diesen Vorwurf. Sie teilt ihn sogar. „Je größer der Hype wurde, desto mehr störte mich, was daraus geworden ist”, sagt die Psychologin (M. Sc.) aus Bottrop. „Dieser Podcast ist mein Gegenpol: Hier bekommen die Menschen hinter den Schlagzeilen ihren Namen, ihre Geschichte und ihre Würde zurück.”

Seit April 2025 macht sie genau das. „Im Namen der Toten” erzählt wahre Kriminalfälle aus der Perspektive der Opfer – akribisch recherchiert, psychologisch eingeordnet, fiktiv erzählt. Nicht der Täter steht im Mittelpunkt, sondern der Mensch: sein Name, seine Würde, seine Geschichte. „Jede Folge ist ein virtueller Gedenkstein”, heißt es auf der Website.

Judy Alfers will den Menschen hinter den Schlagzeilen Würde geben

Hinter dieser Entscheidung steht Fachwissen. Judy Alfers ist klinische Psychologin und hat über acht Jahre im Krankenhaus mit Menschen gearbeitet, deren Leben eine Diagnose, ein Unfall oder eine Gewalttat zerteilt hat. Sie kennt den Reflex, mit dem wir auf schlimme Geschichten reagieren: die beruhigende Erklärung suchen, warum es einen selbst nie treffen würde – und dem Opfer damit unbemerkt eine Mitschuld geben. Wer sich stattdessen in einen Menschen hineinversetzt, empfindet nachweislich mehr Mitgefühl. Genau darauf ist die Erzählweise gebaut: Ziel ist es, das Mitgefühl, die Empathie und unser menschliches Miteinander zu stärken.

Was das für die Arbeit bedeutet, sieht man den Folgen nicht an. Judy Alfers recherchiert jeden Fall selbst und wertet dafür alles aus, was öffentlich zugänglich ist. Die eigentliche Arbeit beginnt danach: das Skript, rund 50 Seiten pro Folge, an dem sie so lange feilt, bis jeder Satz an der richtigen Stelle steht. Erzählt wird fiktiv aus der Ich-Perspektive der betroffenen Person, als Nacherzählung gekennzeichnet und ergänzt um psychologische Einordnungen. Gesprochen wird alles von ihr selbst. Ihr Mann Philip baut daraus die Videofassung mit Bildstrecken, Karten und Archivmaterial und hält alles drumherum zusammen.

„Im Namen der Toten“: Podcast aus Bottrop erreicht Spotify-Charts

Ohne zu wissen, wie dieses Konzept ankommen würde, haben die beiden in ihrem Bottroper Arbeitszimmer losgelegt – ohne Sender, ohne Verlag, ohne Budget. Acht Monate später stand eine Folge in den Spotify-Top-50 der deutschen True-Crime-Charts, mitten unter den großen Namen des Genres. Heute kommt der Podcast auf 164.558 gehörte Stunden – am Stück abgespielt wären das 18,8 Jahre ununterbrochenen Zuhörens – und fast 500.000 Wiedergaben.

Alle Folgen, alle Plattformen und das Quellenverzeichnis zu jeder Folge: judy-alfers.de

Weitere Infos zum Podcast auf einen Blick

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