„Nachbarn von nebenan – verschollen in Riga“

Auch aus Bottrop wurden in der Zeit des Nationalsozialismus jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger in das Ghetto Riga in Lettland verschleppt. Über 25.000 Juden aus dem Gebiet des damaligen Deutschen Reiches, Männer, Frauen und Kinder, wurden dort unter schlimmsten Bedingungen zusammengepfercht, gequält und schikaniert. Tausende von ihnen wurden im nahen Wald von Bikernieki erschossen. In diesem Jahr ist die Stadt Bottrop als 60. Stadt dem „Deutschen Riga-Komitee“ beigetreten, um die Erinnerung an die lange vergessenen Geschehnisse wach zu halten und den Aufbau der Gedenkstätte bei den 55 Massengräbern in Bikernieki zu unterstützen.

Martha und Julius Dortort

Zur Zeit arbeitet das Stadtarchiv an einer Ausstellung zu diesem Thema, die im nächsten Jahr im Kulturzentrum August Everding gezeigt wird. Besonders die Schicksale der Bottroper sollen hier thematisiert werden. „Wir wissen bisher von 25 Männern, Frauen und Kindern aus unserer Stadt, die in das lettische Ghetto verschleppt wurden. Das jüngste Kind, Paul Krauthammer, war gerade einmal sieben Jahre alt, als es mit seinen Eltern und seinen zwei Brüdern am 24. Januar 1942 aus Bottrop deportiert wurde. Die gesamte Familie gilt seither als verschollen und wurde schließlich vom Amtsgericht Bottrop für tot erklärt“, erläutert die Leiterin des Stadtarchivs, Heike Biskup. „Leider wissen wir nicht sehr viel über das Leben der Familie Krauthammer in Bottrop. Über die Familie Dortort, aus der der Bottroper Kaufmann Julius Dortort gemeinsam mit seiner Tochter Martha mit dem gleichen Transport wie die Krauthammers „abtransportiert wurden“, wie es nüchtern in der Polizeiakte heißt, weiß man durch Josef Dortort, der Bottrop vor einigen Jahren wieder besucht hatte, mehr. „Er hat uns viel über seine Kindheit in Bottrop, über seine Eltern und seine Geschwister erzählt“, erläutert Heike Biskup.

Am Montag, den 11. November, wird ab 18 Uhr der frühere Bundestagsabgeordnete Winfried Nachtwei zu Gast im Kammerkonzertsaal des Kulturzentrums August Everding sein. „Nachbarn von nebenan – verschollen in Riga“ ist die Veranstaltung überschrieben. Nachtwei setzt sich seit über drei Jahrzehnten mit dem Holocaust in Riga auseinander. In seinem eindrucksvollen bebilderten Vortrag schildert er die Geschichte der Deportationen und Ermordungen der Juden in Riga und gibt Einblicke in seine langjährige, intensive Spurensuche nach den Schicksalen der Deportierten und seinen Einsatz für eine würdige Gedenkstätte in Riga.

„Die Veranstaltung soll auch als Spurensuche dienen. Vielleicht hat noch jemand Erinnerungen an die Familien Dortort und Krauthammer oder auch an andere Jüdinnen und Juden, die in Bottrop gelebt haben“, so Heike Biskup. „Wir möchten jede auch noch so kleine Information über sie sammeln, damit man nicht nur das Sterben, sondern auch das Leben in den Blick nehmen kann.“

Musikalisch umrahmt wird die Veranstaltung durch die Bottroper Musik-Gruppe „Jankele“. Holger Schie (Gitarre), Uta Oppermann (Geige), Andrea Döing (Gesang) und Paul Döing (Querflöte, Gesang) singen und spielen jiddische Lieder aus Osteuropa.

Der Eintritt zu der Veranstaltung des Stadtarchivs ist kostenlos.

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